Das Feminine für einen Wimpernschlag

Transsexualität in Bolivien - ein Interview

von Simon Schultz von Dratzig

Im Dezember letzten Jahres fand in Cochabamba der Cumbre Social de los Pueblos (sozialer Gipfel der Völker) statt. Zu diesem Anlass trafen sich Vertreter verschiedenster Volksgruppen Boliviens, um zusammen über ihre Lage zu debattieren und ihr Kulturgut vorzustellen und zu feiern. Auch eine große Gruppe der Schwulen- und Lesbenbewegung war vertreten. Vor einigen Jahren wären die meisten von ihnen schnell wegen Sodomie verhaftet worden, wurden jetzt aber akzeptiert und als wichtiger Teil des Gipfels aufgenommen. Wie ist so etwas in einem Teil der dritten Welt möglich? Ist Bolivien nicht ein Land, das sehr viel von Vorurteilen beeinflusst ist, das nicht so freiheitlich mit Andersartigen umgeht wie Deutschland und Europa? Es muss doch furchtbar sein, dort als andersdenkender Mensch zu leben!

Über diese Fragen und eine sehr spezielle und komplizierte bolivianische Biographie konnte einer unserer Freiwilligen in Cochabamba viel erfahren. Simon Schultz v. Dratzig hatte die Möglichkeit mit Karina XXX, einer lesbischen Transsexuellen, über Erfahrungen im Laufe ihres Lebens zu sprechen und bekam eine sehr unkonventionelle und somit überraschende Lebensgeschichte zu hören.

Simon: Hallo Karina, du bist Videoproduzentin und lebst in Cochabamba. Außerdem bist du transsexuell; ehemals warst du ein Mann, heute bist du eine Frau. Kannst du mir erzählen, wie du bemerkt hast,  dass du kein Mann, sondern eine Frau im Körper eines Mannes bist?

Karina: Hallo Simon. In meinem Fall war es etwas außergewöhnlich. Schon als Kind habe ich eine Andersartigkeit gefühlt, nur wusste ich nicht, wie ich sie ausdrücken könnte. (...) Ich war also ein Junge wie alle anderen, nur dass Beziehungen zu Mädchen bei mir auch ein unangenehmes Gefühl verursachten. (...)

Ich war nicht in der Rolle, die mir entsprochen hätte. Ich musste eine Frau sein, um mit einer anderen Frau zusammen zu sein. Obwohl ich Beziehungen mit Frauen führte, wurde ich nicht glücklich, weil ich nicht ICH war. Daher also dieses unbehagliche Gefühl, das ich aber leider immer noch nicht einordnen konnte. Mit einem hübschen Mädchen wollte ich zusammen sein, manchmal wollte ich aber auch SIE sein. Sozusagen das Gleiche haben (sie lacht).

(...) Ich stieß auf eine Gruppe transsexueller Personen und sah, was für Probleme sie hatten, wie sie sich fühlten, wie sie lebten, wie sie waren. Ich wusste: die gehören zu mir, das hier ist mein Platz. So kam ich dazu, mich als transsexuell zu definieren. (...)

Generell gibt es hier wenig Diskriminierung gegenüber Transsexuellen, ganz im Gegensatz zu Homosexuellen. Das liegt daran, dass wir mehr versuchen, nicht aufzufallen, es zu verstecken. Ich habe vom Mann zur Frau gewechselt und möchte, dass man mich von nun an als Frau kennt. Was ich erreichen will ist, dass man mich als eine Frau behandelt, wenn ich irgendeinen Raum betrete und mich niemand anstarrt. Das ist, was alle Transsexuellen dieser Welt, dieses Planeten wollen. (...)



_Inhaltsverzeichnis
_zum Archiv