Renaissance der Jonglage

Einblick in die Welt von Bällen, Keulen, Kaskaden, Passing und vielem mehr


Ein Kommentar von Matthias Buhrow

Ich bin bei fünf. Es fehlt noch bis sieben. Dafür schaffe ich beinahe den Mill’s Mess mit vier Bällen. Vier Clavas kann ich in der Luft halten. Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf – nicht nachvollziehbar für jemanden, der nicht in der Materie steckt. Für mich Alltag, fast schon eine Sucht. Doch langsam, ein Zeitpunkt der Besinnung: Wie fing das alles eigentlich an? Mein Trägerverein, unsere Weltweite Initiative, betonte die Fähigkeit oder zumindest den Willen, mit drei Bällen jonglieren zu können, stets als wichtiges Kriterium für uns Freiwillige. Diese Forderung erweckte meine Sympathie und führte sogleich dazu, dass ich noch vor meiner Ausreise nach Bolivien mit drei billigen Stoffbällen zu üben begann.

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Sollte ich also einen Vergleich wagen, so würde ich die Jonglage mit Fußball oder Kampfkunst vergleichen. Die Synthese, Kontrolle über die zu manipulierenden Objekte (Jonglierrequisiten, Fußball) auszuüben, sowie die Einheit zwischen ausführendem und fühlendem Körper und  initiierendem Geist in der Kampfkunst, das ist - meinem Verständnis nach - der Schlüssel zu guter Jonglage. Die Übung natürlich nicht zu vergessen!

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In Lateinamerika vollzieht sich momentan eine Renaissance der Jonglage-Kunst, von deren Ursprüngen Wandgemälde der Beni-Hassan-Gräber am östlichen Nil zeugen, die auf 4600 v.Chr. datiert werden. Im 6. Jahrhundert n.Chr. war der reisende Jongleur in Frankreich und England nicht mehr wegzudenken.

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In Lateinamerika entdeckt man häufig – vorwiegend aus Argentinien oder Chile kommende – Reisende, die in Rotphasen an Ampeln jonglieren und dann an den Autofenstern ihre Gage einsammeln. Vielerorts sprach man verächtlich von dieser Ausübung von Jonglage als Straßenkunst und verpasste ihr einen schlechten Ruf. Meine Sicht darauf ist eine außerordentlich positive: Die Ampel-Jonglage belebt den öffentlichen Raum, verpflichtet niemanden zum Bezahlen oder Hingucken.

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