Das andere Russland


von Lion Kochan, Russland

Es ist ein warmer, sommerlicher Tag, der Himmel ist strahlend blau und auf den Straßen sieht man die ersten leichter bekleideten Jugendlichen. „Lass uns in einer halben Stunde beim 24-Stunden-Laden treffen. Genau. Wie immer!“, sage ich zu Sergej und lege den Hörer auf.

(…)

„Wie sieht es aus mit der Arbeit? Hast du endlich etwas gefunden?“, frage ich ihn. „Hatte da so ein Angebot. War aber nicht so richtig etwas für mich“, antwortet er sehr zögerlich. „Bist du denn hin gegangen?“, will ich mich noch einmal versichern. Er schaut mir kurz in die Augen, wendet seinen Blick dann schnell wieder ab und entgegnet mir: „Ja, du weißt doch. Ich hab doch dieses Problem mit den Transportmitteln. Ich habe es probiert. Es geht einfach nicht. Ich kann da einfach nicht einsteigen. Lass uns über etwas anderes reden! Weißt du, gestern wollte ich mit Mascha...“ Ich unterbreche ihn: „Sag mal, wie willst du dein Studium eigentlich beenden, wenn du nicht arbeiten gehst?“

(…)

Er hat soviel Talent, dass man neidisch werden könnte, aber er nutzt es einfach nicht. Ich frage ihn: „Hast du schon mal daran gedacht, dass der Staat dir deine Zukunft verbaut?“ Er guckt mich fragend an: „Wie meinst du das jetzt?“ „Naja, du musst dein Studium ja ganz alleine bezahlen, und nur weil du nicht die finanziellen Mittel hast, kannst du nicht mehr studieren. Du hattest ja noch gar keine Chance Geld zu verdienen, wenn du noch nicht mal zu einer professionellen Arbeitskraft ausgebildet worden bist.“ Er lässt seinen Blick umherschweifen und antwortet etwas trotzig: „Ja, so ist das halt. Ich kann es auch nicht ändern. Lass uns in den Markt dort gehen. Ich brauche ein Bier.“

(…)


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