Siyanda

Eine Streetwise-Geschichte


von Till Bühler, Südafrika

Siyanda ist ein guter Junge. Er ist im Shelter, dem Haus unseres Projekts Streetwise, wo Straßenkinder Unterkunft, Verpflegung, eine Vorbereitung auf die Schule sowie Zuneigung finden können, allseits beliebt und gehört nicht zu der Sorte von Jungs, die andere schlagen, um die Hierarchie zu festigen. (…) Siyanda kam etwa ein, zwei Monate nach mir in den Shelter und war lange Zeit sehr „stabil“.

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Sein Vater sollte in KwaMashu (einem großen Township in der Nähe von Durban) gesucht werden. Hierzu muss man wissen, dass sein Vater eine besondere Rolle für Siyanda spielt. Seine Mutter lebt nicht mehr, sie ist höchstwahrscheinlich an den Folgen einer HIV-Infektion gestorben und somit ist sein Vater der einzig noch existierende Bezugspunkt seiner Familie. Onkel und Tanten scheint es auch nicht zu geben. Das letzte Mal hatte er seinen Vater gesehen, als er ein sehr kleines Kind war. Siyanda gehört zu den Kindern, die nahezu verzweifelt nach einer Familie suchen, was ihn emotional sehr aufwühlt und permanent beschäftigt.

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Sandra berichtete mir, dass an der Eingangstür eine große Pistole abgebildet war. Auf Nachfragen hin erfuhren sie von Nachbarn, dass sein Vater eines Nachts verschwunden war; niemand weiß wohin. Siyanda wird seinen Vater wohl nie wieder sehen. Sandra erzählte, dass er die Nachricht zunächst halbwegs gefasst aufnahm. Klar, er weinte erst einmal sehr, aber als ich ihn im Shelter traf, konnte er schon wieder etwas lachen.

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Als die anderen Jungs badeten, rannten Siyanda und Zakhile weg und nahmen noch ein paar Schuluniformen der anderen Jungs mit. Nach diesem Abend herrschte im Shelter vollkommenes Unverständnis und Wut.

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Am nächsten Morgen wurde das Durban Outreach-Team eingeschaltet, eine von Streetwise mit gegründete Gruppe von Sozialarbeitern, die auf Durbans Straßen direkt mit den Kids arbeiten. Siyanda sollte so schnell wie möglich gefunden werden, damit er zurück zur Schule kann. Die Tage verstrichen - nichts geschah. Im Büro machte sich Missmut breit. Warum konnte er nicht gefunden werden?

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