Hungermacher oder Klimaschützer?

Ethanol in Brasilien


von Leon Thruner, Brasilien

Die Geschichte der alternativen Treibstoffe in Brasilien begann in den 70er Jahren unter der Militärdiktatur, die mit einem „Pro-Alkohol“-Programm den ersten brasilianischen Alkohol-Boom auslöste. Umweltschützer waren die Militärs freilich keine; sie förderten die Herstellung von Ethanol, um den Großgrundbesitzern, deren Familienclans eng mit der Regierung verwoben waren, in Zeiten niedriger Zuckerpreise weitere Einnahmequellen zu erschließen. Außerdem war der Staat kurz nach dem großen Ölschock daran interessiert, von Ölimporten unabhängig zu werden.

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Langfristig konnte sich der fast bankrotte Staat das jedoch nicht leisten und beschloss schließlich die Subventionen zu streichen – das Aus für Pro-Alcool. Ohne die Unterstützung des Staates war die Ethanol-Herstellung nicht mehr rentabel, weshalb die Ethanolproduzenten wieder auf den Rohstoff Zucker umstiegen. Das Resultat waren riesige Schlangen an den Tankstellen und leere Tanks, denn den Brasilianern fehlte auf einmal das Ethanol: die damaligen Autos wahren reine Alkoholiker und konnte nicht mit Benzin betankt werden. So wurden die Ethanol-Schlucker also eingemottet und wieder auf das altbewährte Benzin umgestellt, der Traum der brasilianischen Öl-Unabhängigkeit schien ausgeträumt.

Doch der Alkohol erlebte eine Wiedergeburt. 2003 brachte Volkswagen als erster Konzern ein so genanntes Flex-Auto auf den Markt, ein Auto, das sowohl mit Benzin als auch mit Alkohol fährt – in jeder beliebigen Mischung. Ein Sensor im Inneren des Tankes erkennt die Anteile der Kraftstoffe und stellt den Motor entsprechend ein. Die anderen Autokonzerne zogen schnell nach, als sie sahen, wie gut sich die Misch-Autos verkauften und innerhalb von nur zwei Jahren schnellte der Anteil der Flex-Fahrzeuge an zugelassenen Neuwagen von 3 % auf unglaubliche 80 %. Anfang dieses Jahres hat VW sogar komplett auf Flex umgestellt, reine Benziner laufen in brasilianischen VW-Fabriken seither gar nicht mehr erst vom Band. Die Zuckerproduzenten haben ihre alten Ethanol-Fabriken inzwischen wieder angeworfen und die Brasilianer haben wieder Vertrauen in den grünen Treibstoff gewonnen, denn um  Lieferungsschwierigkeiten oder Preiserhöhungen brauchen sie sich keine Gedanken mehr zu machen – zur Not läuft das Flex-Auto ja auch mit Benzin. Auch die brasilianische Regierung hat reagiert und das Pro-Alcool-Programm aus den Siebzigern wieder aufleben lassen. Heute werden dem normalen Benzin per Gesetz 25% Alkohol beigesetzt, eine Maßnahme, die keinen speziellen Motor voraussetzt und außerdem die in Deutschland verbreiteten Additive ersetzt, eine billigere und umweltfreundlichere Lösung.

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Doch es gibt noch mehr Bedenken gegen den umweltfreundlichen Treibstoff. Der Präsident des „Earth Policy Institute“, Lester Brown, warnt vor einer Verdrängung der Lebensmittelherstellung durch das Ethanol. Er spricht von dem „Konflikt zwischen den 800 Millionen Autobesitzern und den weltweit zwei Milliarden Allerärmsten, die nur überleben wollen“. Ist das Ethanol also ein Hungermacher?

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