Ausgabe 26

Erschienen: 31. Dezember 2012
Leitthema: "Rückspiegel, Schulterblick - und dann die Spur wechseln
Seitenzahl: 60
Größe: 10 MB
Format: PDF
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Im Dezember 2012

Liebe Leserinnen und Leser,

Wann haben Sie das letzte Mal einen Moment versucht festzuhalten? Haben Sie sich tief und innig gewünscht, dass er sich nicht verflüchtigt wie all die anderen, die kommen und gehen?

Und: Hat es geklappt? Hat die Zeit nachgegeben? Vermutlich ist es Ihnen ergangen wie den Freiwilligen der WI e.V. Die Zeit war ihnen gegenüber unerbittlich; alle mussten sie im September die Rückkehr nach Deutschland antreten. Die Freude auf ein Wiedersehen mit Familie und Freunden war groß, doch einem neu gewonnenen Leben im Einsatzland wurde ein abruptes Ende gesetzt. Viele Geschichten wurden abgehackt, persönliche Abschiede zu liebgewonnenen Bekanntschaften kamen überhastet: Man war sich ja gerade erst vertraut geworden.

Auch der Moment des Abschieds ließ sich nicht hinausschieben, eh man sich versah, saß man auch schon im Flieger, im Zug oder Auto (Sicherheitsgurt angelegt!), am Familientisch in Deutschland. Das Stillsitzen im Uni-Hörsaal, der Kauf beim Bäcker, das Warten an der roten Ampel – das alles funktionierte schon bald wieder wie geschmiert, die alten Routinen und Redefloskeln saßen noch, kulturelle Fettnäpfchen gab es nicht und die Sprachbarriere nur insofern, dass sich das in einem bewegten Jahr Erlebte nur wenig authentisch im Gespräch mitteilen ließ.

So schien man fast nahtlos an das alte Leben vor dem Freiwilligendienst in Deutschland anschließen zu können. Die Projektarbeit von einem Jahr hingegen, das tägliche Zusammensein mit Projektarbeitern und Kindern, mit Freunden – das alles lag nun hinter einem und bekam geradzu den Anschein von etwas unreal – weil so wenig vergleichbarem mit dem Leben in Deutschland. Was eben noch heiß gefühlte Wirklichkeit, war nun abkühlende, ruhende Erinnerung. Elisabeth Neumann findet dafür in ihrem Artikel (Ressort Freiwillige & Länder) das schöne Bild einer "kleinen bunten Kiste in unserem Herzen, die nun ein bisschen überflüssig daliegt".

Doch diese Kiste im Herzen schlummern zu lassen oder sie ins Regal der wertvollen Erinnerungen und Abenteuer zu packen und damit die Episode "Auslandsjahr" abzuschließen, scheint auch nicht möglich. Manch einer bleibt gedanklich noch für lange Zeit im Einsatzland. Mit dem Kopf wieder ganz einzutauchen in den deutschen Alltag, in dem so manches selbstverständlich scheint und es doch nicht ist, können viele sowieso nicht.

Zivilgesellschaftliches Engagement in Deutschland bleibt für viele Ex-Freiwillige wichtig, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat den Freiwilligen Spaß gemacht und ihnen selbst viel gegeben. Doch nicht allen reicht das aus. Wo festgefahrene, schwer durchschaubare Verhältnisse und tief in der gesellschaftlichen Praxis verwurzelte Glaubenssätze die globale Ungerechtigkeit erhalten und zementieren, genügt da Engagement innerhalb dieser Strukturen? Ist Radikaleres nötig? Doch wie vorgehen als Einzelner? Wo anfangen? Der Freiwilligendienst wirft in den Köpfen viele Fragen auf. Die Suche nach Antworten politisiert sie. So versucht man der "überflüssigen Kiste" einen Sinn zu geben, den Menschen im ehemaligen Einsatzland verbunden zu bleiben, allerdings ohne das Helferethos, denn dass die Probleme in den Ländern einfach nur auf dem Unvermögen der Leute dort beruhen und es ein paar Europäer brauche, die mit ihren Methoden die Situation verbessern, glaubt man nicht mehr und es klingt hohl, wenn Medien in ihrer Berichterstattung das implizieren.

Diesen Umbruch, der durch das Jahr im Ausland häufig einen Anstoß bekommt, kann der Titel dieser Ausgabe "Rückspiegel, Schulterblick und dann die Spur wechseln" widerspiegeln. Er spielt mit dem Wechsel von Betrachtung und Handlung, mit der Notwendigkeit, erst einmal zu begreifen und dann in Aktion zu treten und eine Entscheidung zu treffen, wenn man weiß, dass sie richtig ist. Da kann es nur helfen, mal zurückzuschalten, das Tempo rauszunehmen, andere auf der Überholspur vorbeisausen zu lassen, bevor man selbst wieder beschleunigt.

Doch nicht nur die (ehemaligen) Freiwilligen haben mit der Rückkehr die Spur gewechselt, auch ihr Verein, die Weltweite Initiative hat zwei Gänge zurückgeschaltet: Zurzeit sind keine Freiwilligen in den Einsatzländern, ab Sommer 2013 wird es voraussichtlich einen stark verkleinerten Jahrgang geben; die Weltweite Initiative will wieder familiärer werden.

Davon bleibt auch die (W)ortwechsel Weltweit natürlich nicht unberührt. In welcher Form das Zeitungsprojekt fortgeführt wird, ob es bis zum Einsatz der neuen Freiwilligen überhaupt eine weitere Ausgabe geben wird, ist ungewiss. Als Redaktion hoffen wir natürlich, dass Sie als Leserinnen und Leser uns erhalten bleiben und unserer kleinen Zeitung auch in leicht veränderter Form weiterhin Interesse entgegenbringen!

Nicht zuletzt geht auch durch diese Ausgabe der (W)ortwechsel Weltweit ein feiner Riss. Die Beiträge entstanden teils noch in den Einsatzländern, teils in Deutschland. So berichtet uns das Ressort Wirtschaft & Ökologie von den Folgen des Abenteuertourismus' in Bolivien, Miriam Ebert erklärt im Ressort Politik & Soziales ihre Ansicht über die Entwicklung der Frauenrechte in Südafrika und Max Temmer zeigt uns Europäern die Wichtigkeit auf, mit dem geistigen Auge mal in den Spiegel zu schauen statt den Blick immer nur nach außen zu richten. Alldem vorangestellt ist diesmal das Sonderressort "Kinder-Spezial", in denen verschiedene Kunstwerke von Kindern aus den Einsatzprojekten dargestellt werden. Um kreative Auswüchse von Künstlern geht es auch im Kulturressort. Die Ressorts Freiwillige & Länder und Wortakrobatik versuchen auf die ihnen je eigene Weise das Gefühl des Abschieds, der Rückkehr und des Wiedereinlebens in der neuen alten Heimat in Worte zu fassen.

Eine anregende Lektüre und einen guten Rutsch wünscht

Ihr Jakob Keienburg


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